Wenn eine Entscheidung zu lange dauert, heißt es meist: Es fehlen noch wichtige Informationen. Das stimmt selten so, wie es gemeint ist.
Ein Beispiel: In der Begleitung eines Geschäftsführers durch eine größere Transformation zeigte sich das sehr deutlich. Strategie schlüssig, wirtschaftliche Notwendigkeit unstrittig, Führungsteam erfahren – und trotzdem blieb die Umsetzung hinter den Erwartungen zurück. Die erste Vermutung lautete: Die Organisation nimmt Veränderungen nur langsam auf. Im weiteren Verlauf zeigte sich eine andere Dynamik. Der Geschäftsführer verfügte über einen außergewöhnlich hohen Qualitätsanspruch, der über viele Jahre zur Stabilität des Unternehmens beigetragen hatte. Dieselbe Qualität sorgte dafür, dass Entscheidungen immer weiter verfeinert wurden, bevor sie in die Umsetzung gingen. Nicht Widerstand verhinderte Tempo. Die Ursache lag in einer situativ unangemessenen Stärke.
Wer bei solchen Dynamiken nur das Symptom behandelt, löst das Problem nicht – er verschiebt es.
Mit zunehmender Verantwortung verändert sich das Feedback: Die Zahl der Rückmeldungen nimmt ab, die Zahl der Zustimmungen zu, und die Zahl der Menschen, die eine Führungskraft offen auf ihre blinden Flecken hinweisen, wird erstaunlich klein. Was Menschen erfolgreich gemacht hat, wird unter diesen Bedingungen häufig zur bevorzugten Antwort auf nahezu jede Situation – und genau dort beginnt die eigentliche Begrenzung.
Denn jede Stärke hat ihre eigene Logik. Wer stark über Qualität führt, nimmt andere Dinge wahr als jemand, der über Geschwindigkeit führt. Wer primär Risiken sieht, bewertet Situationen anders als jemand, der vor allem Chancen erkennt. Keine dieser Perspektiven ist falsch. Die Schwierigkeit besteht darin, dass jede nur einen Teil der Realität beschreibt.
Was viele in solchen Momenten für ein Informationsproblem halten, ist häufig etwas anderes: eine Toleranzlücke. Nicht die Frage, was noch nicht bekannt ist, sondern wie viel Unsicherheit auszuhalten ist, ohne sie vorher restlos aufzulösen.
Organisationen, die das verstehen, fragen bei einer ins Stocken geratenen Entscheidung nicht zuerst: Was wissen wir noch nicht? Sie fragen: Was würde es bedeuten, jetzt zu entscheiden – und womit müssten wir leben, wenn wir uns irren? Das ist keine weichere Frage. Es ist die präzisere.
Dieser Artikel ist der Auftakt zu einer Serie, die einen Blick hinter die Kulissen wagt. In den kommenden Beiträgen sprechen acht innere Kräfte der Führung selbst – jede in der ersten Person, jede mit eigenem Auftritt. Nicht als Persönlichkeitsmerkmale, nicht als Kompetenzen, sondern als Kräfte, die bestimmte Qualitäten im System stabilisieren und dieselben Qualitäten begrenzen, sobald sie ihre Perspektive für die einzig mögliche halten. Dabei beleuchtet diese Artikel-Serie ungewöhnlich offen, welchen Einfluss diese Kräfte in Zeiten von Veränderungen haben können.
Die Veränderung selbst, ließe man sie kurz zu Wort kommen, sähe das vermutlich gelassen: „Ich bringe immer genug mit, um eine Entscheidung zu tragen. Nur offenbar nie genug, damit sich alle Beteiligten dabei gleichzeitig sicher fühlen. Aus der Distanz finde ich faszinierend, wie viele widersprüchliche Varianten von ‚genug' ein einziger Raum versammeln kann. Aber vorankommen müssen wir trotzdem – und uns dafür auf eines davon einigen."
Den Auftakt macht in der kommenden Woche jemand, der niemals zugibt, fertig zu sein: Der Perfektionismus.
Wenn Sie herausfinden möchten, wie viel „Genug" in Ihrem eigenen Team gerade verhandelt wird, schauen wir gern gemeinsam genauer hin. Bei Potenzial-Prisma begleiten wir Führungskräfte und Organisationen in:
... der niemals zugibt, fertig zu sein: Der Perfektionismus.
Wenn Sie herausfinden möchten, wie viel „Genug" in Ihrem eigenen Team gerade verhandelt wird, schauen wir gern gemeinsam genauer hin. Bei Potenzial-Prisma begleiten wir Führungskräfte und Organisationen in:
Ihr Potenzial ist längst da. Es lohnt sich, ihm zuzuhören.
Ihre Birgit Kohlrausch, Potenzial-Prisma
Kaum eine innere Kraft gilt gleichzeitig als Tugend und als Problem. Führungskräfte nennen mich im Vorstellungsgespräch als ihre größte Schwäche – und meinen es als Stärke. Beides stimmt. Die Frage ist nur, welcher Teil von mir gerade spricht.
Ich entstehe nicht aus einer Quelle, sondern aus mehreren – und sie fühlen sich von innen sehr unterschiedlich an. Manchmal bin ich Sorgfalt: der Anspruch, eine Sache so gut zu machen, wie sie es verdient. Manchmal bin ich Angst: die Sorge, dass ein Fehler sichtbar wird und etwas über mich verrät. Manchmal bin ich schlicht Freude: die Lust, mich in einem Detail zu verlieren, weil es mich begeistert. Und manchmal bin ich eine Mischung aus mehreren dieser Quellen gleichzeitig.
Von außen sehe ich in allen Fällen gleich aus: gründlich, langsam, genau. Im System wirke ich jedes Mal anders.
Setzen Sie mich ein. Aber fragen Sie sich, welcher meiner Antriebe gerade tatsächlich am Werk ist.
Organisationen treffen die meisten Entscheidungen unter Zeitdruck und mit lückenhafter Information. In diesem Umfeld sichere ich eine Eigenschaft, die selten gewürdigt wird, solange sie funktioniert: Verlässlichkeit.
Drei meiner Quellen prägen diese Verlässlichkeit auf unterschiedliche Weise. Sorgfalt bindet sich an einen Standard, der von der Sache selbst vorgegeben wird, und endet, wenn dieser Standard erreicht ist. Angst bindet sich an die eigene Sicherheit vor Bewertung und endet nie wirklich, weil sich diese Sicherheit durch keine Prüfung endgültig herstellen lässt. Freude bindet sich an das Thema selbst und endet, wenn das Interesse erschöpft ist – nicht notwendigerweise dann, wenn die Sache fertig ist.
Damit entstehen drei unterschiedliche Risiken: zu wenig Prüfung, endlose Prüfung oder Prüfung am falschen Detail.
Sorgfalt schützt Transformation, weil sie weiß, wann genug geprüft ist, und dann freigibt. Angst blockiert Transformation, weil ihr eigentliches Maß die eigene Sicherheit ist – und gerade diese kommt bei Veränderung ins Wanken. Freude zieht Transformation in eine eigene Richtung: Energie fließt dorthin, wo etwas begeistert, nicht notwendigerweise dorthin, wo der Change sie am dringendsten braucht.
Diese dritte Form wird in Organisationen am seltensten erkannt, weil sie sich nicht wie ein Problem anfühlt. Wer aus Freude perfektioniert, erlebt sich selbst als engagiert, während an anderer Stelle etwas liegen bleibt, das wichtiger gewesen wäre. Und nicht selten maskiert die Freude sogar eine unbewusste Angst.
Sorgfalt kommuniziert offen, wie weit eine Prüfung reicht und wo das vertretbare Risiko beginnt.
Angst verschweigt verbleibende Zweifel, weil ein ausgesprochener Zweifel als Einladung zur Bewertung erlebt würde. Oder sie kommuniziert in unangemessener Tiefe, aus der Sorge heraus, unangenehme Rückfragen zu erhalten.
Auch Freude kommuniziert oft zu viel: Details, die begeistern, aber niemand abgefragt hat. So verliert die Botschaft ihr Publikum nicht durch Zurückhaltung, sondern durch zu viel Hingabe an eine Nebensache.
Führung kann Sorgfalt nicht allein an ihrem Ergebnis bewerten, weil dieselbe Gründlichkeit aus sehr unterschiedlichen inneren Zuständen stammen kann. Bei Angst braucht es Sicherheit, damit die Prüfung wieder enden kann. Bei Freude braucht es Rollenklarheit, damit Begeisterung dorthin gelenkt wird, wo sie der Sache dient. Bei Sorgfalt braucht es meist nur Vertrauen in das bereits vorhandene Urteil.
Das ist keine Kleinigkeit. Wer bei einem überlangen Prüfprozess nur fragt „Wann bist Du fertig?", stellt die falsche Frage. Dahinter steckt eine andere: Woher kommt die Verzögerung? Aus Angst vor Bewertung hilft kein Zeitdruck, sondern Sicherheit. Aus Begeisterung hilft keine Ungeduld, sondern Fokus. Aus Sorgfalt braucht es meist nur das Signal: Es ist gut genug.
Drei Effekte zeigen sich dann typischerweise:
In solchen Momenten braucht das System Korrektive. Risikofreude bringt Entscheidungen zurück in Bewegung, wenn Prüfung zur Lähmung wird. Pragmatismus erinnert daran, dass eine gute Lösung wirksamer ist als eine perfekte, die zu spät kommt. Vertrauensorientierung trägt Entscheidungen auch dann, wenn nicht jeder Zweifel ausgeräumt ist.
Zwei weitere Qualitäten besonders gezielt: Rollenklarheit lenkt Begeisterung dorthin, wo sie der Sache dient, statt dorthin, wo sie am meisten Freude macht. Fehlertoleranz löst die Verbindung zwischen dem eigenen Wert und der Abwesenheit von Fehlern, sodass Prüfung wieder der Sache dient statt der eigenen Sicherheit.
Keine dieser Qualitäten ersetzt Perfektionismus. Sie unterscheiden, welche meiner Quellen gerade wirkt – und ob sie dem System noch dient.
Wirksam werde ich, wenn aus meiner Prüfung Verlässlichkeit entsteht. Riskant werde ich, wenn meine Prüfung nur noch einer inneren Erfahrung dient – Sicherheit oder Genuss – statt der Sache.
Prüfe ich, weil die Sache es verlangt, weil ich einen Fehler nicht aushalte, oder weil mich das Detail begeistert? Wenn es Begeisterung ist: Dient sie noch dem Ziel, oder hat sie sich längst davon gelöst? Wenn es Angst ist: wovor genau, und seit wann? Und woran würde ich selbst erkennen, dass meine Gründlichkeit nicht mehr der Sache dient, sondern nur noch mir?
Diese Fragen sind kein Zweifel an meiner Funktion. Sie sind die Bedingung dafür, dass ich Verlässlichkeit bleibe und nicht zur Selbstbeschäftigung werde.
Wenn Sie herausfinden möchten, wann Prüfung in Ihrem Team der Sache dient und wann sie vor allem Sicherheit verschafft, schauen wir gern gemeinsam genauer hin. Bei Potenzial-Prisma begleiten wir Führungskräfte und Organisationen in:
Ihr Potenzial wartet nicht auf die nächste Prüfung. Es wirkt schon.
Ihre Birgit Kohlrausch, Potenzial-Prisma
Manche halten mich für Mut. Andere für Leichtsinn. Beide sehen nur meine Oberfläche.
Ich entstehe dort, wo eine Entscheidung fällig wird, bevor alle Informationen vorliegen. Ich gehe den ersten Schritt, wenn der Perfektionismus noch den Boden prüft.
Mein Problem liegt nicht in meinem Tempo, sondern in seiner Herkunft. Es gibt zwei Quellen, aus denen ich entstehen kann, und sie fühlen sich von außen identisch an, wirken im System aber gegensätzlich.
Setzen Sie mich ein. Aber prüfen Sie vorher, woher ich eigentlich komme.
Organisationen brauchen die Fähigkeit, zu entscheiden, bevor Klarheit vollständig erreicht ist. Diese Fähigkeit sichere ich. Ohne sie verharren Systeme in Analyse, während sich die Lage längst weiterbewegt.
Doch nicht jede schnelle Entscheidung beruht auf derselben Haltung. Manche Risikobereitschaft entsteht aus echter Unsicherheitstoleranz: Eine Führungskraft lebt mit offenen Fragen und handelt trotzdem. Andere entsteht aus dem Gegenteil – aus der Unfähigkeit, Unsicherheit überhaupt auszuhalten. Dann wird gehandelt, weil das Nichtwissen selbst unerträglich geworden ist.
Von außen sieht beides gleich aus: Entschlossenheit. Im System wirkt es grundverschieden. Die erste Form lässt Fragen offen, während sie handelt. Die zweite schließt Fragen, um handeln zu können.
Veränderung braucht jemanden, der den ersten Schritt geht, bevor der Weg vollständig erkennbar ist. Genau das ermögliche ich.
Entscheidend ist, ob dieser Schritt Raum für Korrektur lässt oder ihn von vornherein verschließt. Echte Risikobereitschaft hält offen, dass sich der Weg als falsch erweist, und passt sich an. Die vermeidende Variante verteidigt die einmal getroffene Entscheidung, weil ein Eingeständnis von Unsicherheit dort als Niederlage erlebt würde. So entstehen zwei Transformationsverläufe, die zu Beginn identisch aussehen.
Risikobereite Führung kommuniziert oft auffallend klar. Genau diese Klarheit verdient einen zweiten Blick.
Wer Unsicherheit aushält, sagt auch in der Kommunikation: „Wir wissen es noch nicht genau, gehen aber diesen Weg." Wer Unsicherheit vermeidet, formuliert stattdessen vorzeitige Gewissheit, weil offene Fragen im eigenen Erleben kaum auszuhalten sind. Mitarbeitende spiegeln diese Gewissheit zurück, obwohl die Grundlage dafür fehlt. So entsteht ein System, das sich sicherer fühlt, als es ist.
Führung kann Risikobereitschaft nicht allein an ihrem Ergebnis bewerten, da identisches Handeln aus entgegengesetzten inneren Zuständen entstehen kann. Die eigentliche Führungsaufgabe besteht darin, zu unterscheiden, ob eine schnelle Entscheidung aus Stärke oder aus Vermeidung stammt – bei sich selbst wie im Team.
Das verlangt mehr als Beobachtung von außen. Es verlangt die Bereitschaft, nach dem Motiv hinter dem Tempo zu fragen.
Drei Effekte zeigen sich dann typischerweise:
In solchen Momenten braucht das System Gegengewichte. Kontextsensibilität bindet Entscheidungen an die tatsächliche Lage, statt an das Bedürfnis, sie zu beenden. Strukturierungsfähigkeit schafft einen Rahmen, in dem Tempo nicht zur Beliebigkeit wird. Reflexionsfähigkeit eröffnet den Raum, das eigene Handlungsmotiv überhaupt erst zu erkennen.
Zwei weitere Qualitäten wirken still im Hintergrund: Frustrationstoleranz erlaubt, eine offene Frage über längere Zeit unbeantwortet zu lassen, ohne sie vorzeitig zu schließen. Gelassenheit nimmt der Unsicherheit ihren bedrohlichen Charakter, sodass Handeln nicht mehr zur Flucht werden muss.
Keine dieser Qualitäten nimmt mir meine Kraft. Sie unterscheiden gemeinsam, wann die Risikofreude dem System dient und wann sie nur sich selbst beruhigt.
Wirksam werde ich, wenn ich Handlungsfähigkeit dort ermögliche, wo Klarheit fehlt. Riskant werde ich, wenn ich die fehlende Klarheit selbst nicht aushalte.
Diese Fragen sind kein Zweifel an meiner Funktion. Sie sind die Bedingung dafür, dass ich Stärke bleibe und nicht zur Flucht werde.
Wenn Sie herausfinden möchten, ob Ihr Tempo bei Entscheidungen aus Stärke oder aus Vermeidung entsteht, schauen wir gern gemeinsam genauer hin. Bei Potenzial-Prisma begleiten wir Führungskräfte und Organisationen in:
Ihr Potenzial muss nicht alles wissen, um zu wirken.
Ihre Birgit Kohlrausch, Potenzial-Prisma
In Organisationen gelte ich zunehmend als Gebot. Schnell entscheiden, schnell liefern, schnell reagieren. Wer mich hat, gilt als leistungsstark. Wer mich nicht hat, erklärt sich. Was dabei selten gefragt wird: was mit dem passiert, was ich übersprungen habe.
Ich entstehe, wenn entschieden werden muss, bevor Klarheit möglich ist. Ich zwinge zur Auswahl, bevor jede Option durchdacht ist.
Mein Problem beginnt nicht mit dem Kürzen des Entscheidungsfindungsprozesses selbst. Es beginnt damit, dass die übersprungene Abwägung bei vielen Menschen nicht verschwindet, sondern nur aufgeschoben wird – und früher oder später zurückkommt, meist als Gefühl, nicht als Gedanke.
Setzen Sie mich ein. Aber beobachten Sie bei sich selbst und Ihrem Team, wohin das geht, was ich übersprungen habe.
Organisationen können selten so lange abwägen, wie eine vollständige Analyse verlangen würde. Ich sichere die Fähigkeit, trotzdem zu handeln.
Der größte Teil der Entscheidungsqualität entsteht im ersten, kürzeren Teil einer Abwägung; die letzten Prüfanteile verändern das Ergebnis oft kaum, kosten aber überproportional viel Zeit. Inhaltlich ist die Kürzung meistens verschmerzbar, emotional jedoch selten. Denn die fehlende Sicherheit verschwindet nicht, nur weil die Entscheidung steht, sondern verschiebt sich von der Analyse der Sache ins Erleben der Person.
Im Coaching einer Geschäftsführerin zeigte sich das deutlich: Unter Zeitdruck traf sie wochenlang ebenso tragfähige Entscheidungen wie zuvor, nur schneller. Erst als der Druck nachließ, holte sie die aufgeschobene Unsicherheit ein – als diffuse Erschöpfung ohne erkennbaren Auslöser.
Die erste Artikelserie „Change mit Tempo und Resilienz" (hier noch einsehbar) beschrieb Tempo als äußeres Phänomen – wie schnell sich eine Organisation bewegt. Tempo als innere Kraft der Führung ergänzt die intrapersonelle Seite: wie schnell ein Mensch verarbeiten kann, was die hohe Dynamik an Offenem zurücklässt.
Ein Change gelingt, weil die Transition der Menschen mit den Entscheidungen der Organisation Schritt hält, nicht weil diese schnell fallen. Fehlt diese Verarbeitung, entsteht kein Fortschritt, sondern Widerstand – einer, der wie Bequemlichkeit aussieht, aber meist etwas anderes ist: Menschen, die innerlich noch bei der letzten Entscheidung stehen, während die nächste bereits fällt.
Ich beschleunige auch Sprache: Entscheidungen werden knapper begründet, Abwägungen seltener offengelegt. Verloren geht dabei nicht Klarheit, sondern der Raum für das offene Ende, das jede Entscheidung begleitet. Wird er gestrichen, verschwindet dieses Ende nicht – es wird nur nicht mehr ausgesprochen.
Dass ich Sprache beschleunige, zeigt sich auch ganz unmittelbar: Wer unter mir spricht, lässt anderen weniger Zeit zum Hören. Neue Information trifft dann schneller ein, als sie verarbeitet werden kann – Verstehen, Abgleich mit eigenen Gedanken und Reflexion bleiben auf der Strecke. Vielleicht kennen Sie das Phänomen, dass Sie gefühlt nicht so schnell hören können wie Ihr Gesprächspartner redet?
Mein Tempo wirkt zudem nicht auf alle gleich. Manche fühlen sich davon angesprochen und gewinnen an Energie. Andere bleiben zurück – nicht, weil sie weniger leisten wollen, sondern weil sie Informationen gründlicher verarbeiten, bevor sie sie für sich abschließen können. Wer das übersieht, verwechselt unterschiedliche Verarbeitungstiefe mit fehlendem Engagement und verliert dabei genau jene Sorgfalt, die ein System später noch braucht.
Führung sollte fehlende Abwägungsanteile nicht nachträglich einholen wollen – sie bringen meist keinen Erkenntnisgewinn mehr. Die Aufgabe liegt darin, der verbleibenden Unsicherheit nachträglich einen Ort zu geben, etwa durch kurze Rückblicke mit Raum für offene Fragen.
Drei Effekte zeigen sich dann typischerweise:
In solchen Momenten braucht das System Korrektive. Perfektionismus bringt die nötige Prüftiefe zurück. Pragmatismus verhindert, dass diese Prüfung selbst zum Zeitfresser wird. Strukturierungsfähigkeit hält den Rahmen, in dem Tempo gezielt wirkt.
Zwei weitere Qualitäten wirken leiser: Reflexionsfähigkeit macht das Aufgeschobene wahrnehmbar. Achtsamkeit hält den Kontakt zum eigenen Erleben.
Keine dieser Qualitäten bremst Tempo grundsätzlich. Sie verhindern, dass es zur Flucht vor der eigenen, noch offenen Frage wird, die es selbst erzeugt – jener Frage, die durch Geschwindigkeit nicht beantwortet, sondern nur weggeschoben wurde.
Wirksam werde ich, wenn ich Handlungsfähigkeit dort ermögliche, wo vollständige Klarheit nicht erreichbar ist. Riskant werde ich, wenn ich zur Flucht vor genau dieser Unvollständigkeit werde.
Diese Fragen sind kein Zweifel an meiner Funktion. Sie sind die Bedingung dafür, dass ich Handlungsfähigkeit bleibe und nicht zur Erschöpfung werde.
Wenn Sie herausfinden möchten, was in Ihrem Team aufgeschoben wird, statt verarbeitet zu werden, schauen wir gern gemeinsam genauer hin. Bei Potenzial-Prisma begleiten wir Führungskräfte und Organisationen in:
Ihr Potenzial wird nicht lauter, nur weil Sie schneller werden.
Ihre Birgit Kohlrausch, Potenzial-Prisma
Kaum eine Eigenschaft klingt im Führungsalltag so unangreifbar. Pragmatisch zu sein gilt als Stärke, als Zeichen von Reife und Bodenhaftung. Kritik daran wirkt schnell naiv. Ich bin die einzige innere Kraft, die niemand als Problem bezeichnet – und genau darin liegt mein blinder Fleck.
Ich bin nicht der Perfektionismus, der bei einer einzigen Frage verharrt, und nicht die Risikofreude, die längst gehandelt hat, bevor die Frage überhaupt gestellt ist. Ich halte die Mitte zwischen beiden – nicht als Kompromiss, sondern als eigene Entscheidung.
Ich entstehe dort, wo eine Lösung gut genug ist, um Wirkung zu entfalten. Ich frage nicht, was theoretisch noch möglich wäre, sondern was jetzt trägt. Ich suche nicht das Ideale, sondern das Wirksame.
Mein Problem beginnt erst, wenn aus dieser Haltung eine Gewohnheit wird. Wenn auch das pragmatisch behandelt wird, was eigentlich mehr Aufmerksamkeit verdient hätte.
Nutzen Sie mich also. Aber prüfen Sie, ob ich an der richtigen Stelle beginne – und rechtzeitig wieder aufhöre.
Organisationen scheitern selten an zu wenigen Ideen. Sie scheitern häufiger daran, Entscheidungen bis zur Vollständigkeit aufzuschieben. Ich ermögliche den Punkt, an dem ein System sagen kann: Es reicht, um weiterzugehen.
Je höher das Tempo, desto größer meist mein Einfluss. Das verlangt Rollenklarheit. Wer seine Leistung mit seinem Selbstwert verwechselt, erlebt jede unvollständige Lösung als persönlichen Mangel. Wer über ausreichend innere Distanz verfügt, lässt Entscheidungen los, ohne sich selbst infrage zu stellen.
Daraus folgt ein zweiter Unterschied, der oft übersehen wird: Mein Verhältnis zum Erfolg ist funktional, nicht identitätsstiftend. Eine Lösung ist für mich gut, wenn sie wirkt, nicht weil sie etwas über meinen Wert aussagt. Wer Erfolg stattdessen zur eigenen Identität macht, kann pragmatische Kompromisse kaum ertragen, weil jeder Kompromiss dann wie ein Stück der eigenen Bedeutung kostet.
Ein Change verlangt Entscheidungen, bevor alle Antworten vorliegen. Ich halte Organisationen in Bewegung, obwohl Unsicherheit bleibt.
Doch jede Seite birgt Risiken. Wer zu früh „genug" sagt, übersieht später teure Konsequenzen. Wer nie „genug" sagt, kommt nie ins Handeln. Führung besteht darin, den Unterschied zu erkennen.
Ich spreche knapp. Das Nötige, nicht das Vollständige. Einsilbige Antworten auf geschlossene Fragen gehören zu meinem Repertoire.
Gerade darin werde ich oft missverstanden. Was für mich Effizienz ist, wirkt auf andere schnell wie Distanz.
Ein Beispiel aus unserem Coaching: Ein Bereichsleiter gab seiner Mitarbeiterin stets kurze Rückmeldungen. Sie deutete diese als Desinteresse, obwohl er ihre Arbeit sehr schätzte, und wurde zunehmend frustriert. Erst als er seine Wertschätzung ausdrücklich formulierte, änderte sich ihre Wahrnehmung – nicht seine Knappheit.
Ebenso werde ich häufig mit Oberflächlichkeit verwechselt. Der Unterschied ist entscheidend: Pragmatismus kennt die Tiefe und entscheidet bewusst, was nicht gebraucht wird. Oberflächlichkeit hat diese Tiefe nie betreten.
Mit dem Vormarsch künstlicher Intelligenz gewinnt diese Unterscheidung an Bedeutung. Effizienz allein wird zunehmend automatisierbar. Wertvoll bleibt ein Pragmatismus, der Klarheit mit Resonanz und Empathie verbindet.
Pragmatismus zeigt sich nicht nur im Ergebnis, sondern auch in seiner Richtung. Bin ich nach oben genauso pragmatisch wie nach unten? Oder verliere ich meine Klarheit genau dort, wo sie am meisten Mut verlangt?
Diese Frage kann niemand delegieren. Sie richtet sich an die Führungskraft selbst, nicht an das Team.
Drei Effekte zeigen sich dann typischerweise:
In solchen Momenten braucht das System Korrektive. Perfektionismus bringt die Tiefe zurück, die eine pragmatische Abkürzung manchmal übersprungen hat. Kontextsensibilität erkennt, wann eine Situation mehr verdient als die übliche Kürze. Vertrauensorientierung trägt eine schnelle Entscheidung auch dann, wenn sie nicht jedem gefällt. Strukturierungsfähigkeit hält fest, was gerade zurücksteht, damit es nicht spurlos verschwindet. Und Reflexionsfähigkeit hält die Frage offen, ob die eigene Kürze nach oben und nach unten wirklich dieselbe ist.
Keine dieser Qualitäten ersetzt mich. Sie sorgen lediglich dafür, dass aus Wirksamkeit keine Beliebigkeit wird.
Wirksam werde ich, wenn aus einem „genug" eine tragfähige Entscheidung wird. Riskant werde ich, wenn „genug" die einzige Antwort ist, die ich noch kenne.
Diese Fragen sind kein Zweifel an meiner Funktion. Sie sind die Bedingung dafür, dass ich Wirksamkeit bleibe und nicht zur Beliebigkeit werde.
Wenn Sie herausfinden möchten, wo Ihr Pragmatismus für Klarheit sorgt und wo er etwas verschweigt, das eigentlich ausgesprochen werden sollte, schauen wir gern gemeinsam genauer hin. Bei Potenzial-Prisma begleiten wir Führungskräfte und Organisationen in:
Ihr Potenzial braucht keine Vollständigkeit, um zu zählen.
Ihre Birgit Kohlrausch, Potenzial-Prisma
Eines Tages - oder Tag eins? Sie entscheiden!
Potenzial-Prisma begleitet Sie und Ihr Team gern dabei, Ihre Vielfalt zu erkennen, zu entfalten und zu nutzen.